Über Verstorbene redet man nicht – Kurt Sandweg / Von Horst Dieter Bürkle – 24.06.2011

«Über Verstorbene redet man nicht» und «Lebensläufe schreibt man vor dem Begräbnis», schrieb Kurt Sandweg vor drei Dutzend Jahren in seinen mit «Kreis und Quadrat sind unbestechlich» betitelten Aufzeichnungen.

Reden wir also nicht, schreiben wir. Und drucken folglich den vier Jahre vor seinem Begräbnis noch von ihm selbst abgesegneten Lebenslauf:

1941-1944 Holzbildhauerlehre bei dem Bildhauer Franz Dreier in Düsseldorf. 1944- 1949 Arbeitsdienst, Militärdienst – Einsatz im Osten, Verwundung. 1945-1949 Ausbildung im Atelier des Bildhauers Bentrup und Studien bei Prof. Weissenborn sowie an der Kunstakademie Düsseldorf (nach dem Krieg ein Behelfsangebot, die so genannte Abendakademie). 1950 freier Mitarbeiter bei einem Düsseldorfer Steinbildhauer, von 1952-1956 erstes Atelier in Düsseldorf. 1957 gründet er zusammen mit Günther Uecker, German Becerra, Horst Lerche, Hannes Esser, Rudi Heekers, Jochen Hiltmann, dem Maler Hermann Raddatz, Hermann Schauten und den Fotografen Bernhard und Hilla Becher die Künstlergruppe Einbrungen/Wittlaer. 1958, nach einem Arbeitsaufenthalt in einem Keramikatelier im südfranzösischen Vallauris erste lebensgroße Skulpturen in Holz und Stein sowie eine Serie bemalter Holzreliefs. 1960 längerer Aufenthalt in Griechenland, es entstehen Großplastiken und Stelen, Zeichnungen und Druckgraphik. 1966 achtmonatiger Aufenthalt in Peru, Mexiko und Brasilien mit Teilnahme an archäologischen Ausgrabungen.

1967 verlässt er die Einbrunger Künstlergemeinschaft, baut und bezieht er das Wohnatelier in Wittlaer-Froschenteich und wird Dozent für Plastik und Zeichnen an der Duisburger Volkshochschule. 1969-1970 folgt ein Unterrichtsauftrag an der Pädagogischen Hochschule Duisburg und der Rat der Stadt Duisburg beruft ihn als künstlerischen Berater in den Ausschuss für kulturelle Fragen. 1971 wird er Vorsitzender des «Vereins Düsseldorfer Künstler» und Leiter der jährlich stattfindenden Ausstellung für bildende Künstler aus Nordrhein-Westfalen bis 1976. 1972-1992 dann Lehrtätigkeit im Fachbereich 4 (Kunst) der Gesamthochschule Duisburg.

1973 kuratiert Sandweg die erste westdeutsche Nachkriegsausstellung im polnischen Krakau. Zwischen 1975 und 1976 beginnt er nach einem mehrwöchigen Aufenthalt an der Elfenbeinküste mit dem Aufbau einer eigenen Sammlung afrikanischer Plastik und wird Mitglied im Aufsichtsrat der Atelierhaus-Gesellschaft. 1977 Initiierung und Durchführung eines Kulturaustauschs mit Ausstellungen und dem Austausch von Studenten und Hochschullehrern zwischen Polen und der BRD. 1978 erfolgt der Ausbau des Bereichs Bildhauerei-Plastik an der Duisburger Gesamthochschule, Exkursion in die Türkei.

Etc. etc. etc. Das berichtet einiges von und über den Menschen Kurt Sandweg. Aber kann eine solche Vita ein wirkliches Bild liefern? Versuchen wir es mit resümierenden Sätzen der Kunsthistorikerin Susanne Höper-Kuhn. «Kurt Sandweg», schreibt sie, «ist ein unruhiger und kritischer Geist, eine Künstlerpersönlichkeit von künstlerischer Integrität: Er hat sich niemals durch aktuelle Kunst-Strömungen irritieren, vereinnahmen oder «bestechen» lassen. Sein Gesamtwerk ist ebenso geschlossen und in sich konsequent wie die einzelne Skulptur, die er schafft. Diesen Weg beschreitet derBildhauer und Graphiker seit den Jahren in der Einbrunger Mühle. Dennoch hat sein Werk «gegen» die allgemeinen kunsthistorischen Strömungen nie die ihm angemessene Würdigung erfahren. Es mag wohl die Konsequenz in seinem bildhauerischen Tun sein, die irritiert. Wer arbeitet schon zu einem Zeitpunkt im Bereich der Plastik und Skulptur figurativ, in dem man vom allgemeinen Taktstock des Pulses der Zeit sich gar zu gerne hinwenden lässt zur Auflösung des Raumes und zur Abstraktion. Kurt Sandweg hat sich künstlerisch immer im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figuration bewegt, denn genau in seinem Reich, dem der Plastik, stehen sich mit einer gewissen Einzigartigkeit beide Richtungen weniger antagonistisch gegenüber wie in den anderen Kunstrichtungen, etwa der Malerei. Sandwegs Plastik tritt für sich den Beweis aus der Kraft und Eindringlichkeit seines Werkes an, dass sich keine Form je im Raum entfalten kann, ohne an einen Inhalt gebunden zu sein.» Und an anderer Stelle ihrer umfangreichen Betrachtungen zu den Arbeiten von Sandweg: «In der Gesamtbetrachtung des großen Werkes von Kurt Sandweg ist festzustellen, dass in allen Arbeiten, seien es die Kleinplastiken, die Bronzen, die Steinskulpturen, die Reliefs oder die Zeichnungen und Graphiken, ein existentieller Ernst gegenwärtig ist, in dem der Künstler dem Leiden seine Kraft entgegensetzen, ihm trotzen will und es dabei gleichzeitig auszusprechen unternimmt. Dieser Ernst macht die Plastiken von Sandweg zeitlos. Aus einem tiefen humanistischen Empfinden heraus entspringen diese Leiber, die überzeitlich die kreatürliche Befindlichkeit zu beschreiben vermögen und damit die menschliche Existenz befragen. Sandwegs bildhauerische Schöpfungen gehen von der reinen, das heißt von der inhaltlichen, gegenständlichen, plastischen Form aus. Wir sehen sozusagen die «Menschwerdung » einer plastischen Form und nicht mehrumgekehrt eine abstrahierende Stilisierung der Menschengestalt. Darin liegt die große, nämlich von Zeitströmungen unabhängige Stärke des bildhauerischen Gesamtwerkes von Kurt Sandweg.

Sätze wie diese würdigen ihn und sein bildendes Schaffen. Wie aber war er als Hochschullehrer? Sein acht Jahre jüngerer Kollege Hans Brög beschrieb ihn so: «Wenn es um die künstlerische Qualität ging, war von Sandweg keinerlei Nachgiebigkeit zu erwarten. Dieser Lehrer konnte nur mit Stehvermögen ausgehalten werden und es musste verkraftet werden, pro Semester möglicherweise nur eine einzige Arbeit gut durch die Korrekturen zu bringen, d.h. in einer Zeit, in der in anderen Werkstätten eine Vielzahl von Arbeiten entstand, eventuell gar von einem «Anfangsverdacht» auf «Kunst» die Rede war, während man selbst nur die Großstudie eines Ohrs, einer Nase, eines Mundes vorzuweisen hatte. Wer diese stark personengebundene Lehre durchhielt, erfuhr seine künstlerischen Möglichkeiten und stellte bald fest, was er selbst künftigen Schülern zu sagen haben würde.» Und wie war das mit dem «Stehvermögen» unter den Kollegen? Dazu noch einmal Hans Brög: «Er war stets mit kritischem Blick auf der Suche nach nicht Gesehenem, noch nicht Erlebtem. … Er suchte die persönliche Begegnung mit Picasso und anderen Himmelstürmern und auch mit denen, die Widerstand haben leisten können. … Dass man sich solch einen Kollegen an der Hochschule wünscht, ist selbstverständlich; den Künstler, den kritischen, engagierten Lehrer, den unorthodoxen Selfmademan als Didaktiker, den Vielgereisten, den Sammler, den Kultur- und Kommunalpolitiker, den, der der Sache wegen, überzeugt von der Notwendigkeit, mit Studierenden immer wieder auch in quasi «verbotenes» Ausland reist, keinem Streit, keiner Rüge der Hochschulverwaltung, keiner Kompetenzüberschreitung aus dem Wege ging.»

Hilft uns der Kunsthistoriker Gottlieb Leinz weiter auf der Suche nach dem richtigen «Erinnerungston», wenn er uns einen Blick in Sandwegs Wohnstube werfen lässt und dazu sagt: «Sandweg beschrieb einmal diesen Zusammen-Klang der alten und gegenwärtigen Kunstwelt, wie er sie täglich in seinen vier Wänden erlebt: ‚Bela Bartoks Streichquartett Nr. 1 hat in seinen unruhigen Passagen viel von den Hakenformen, die im Gewebe des Kelims unter dem großen Esstisch zu finden sind, verhängnisvoll die Reihung der dunkelblauen Haken wie die Bässe… Dieses Wechseln von Ruhe und Unruhe‘. Diesem Klang entspricht vollkommen das wohl inszenierte Vanitasbild auf der kunstvoll in Holzplanken gefügten, mit in der Barockzeit wellenförmig ‚modern‘ geschweiften Füßen und schwerem Riegel versehenen gotischen Truhe. Vor dem in dunklem Profil kunstvoll gerahmten Spiegel steht die Vase mit den vertrockneten schweren Blütenblättern, Kleinbronzen und Fragmente sammeln sich im Schatten des Gefäßes, darunter die eigene Bronzefigur eines schwarz patinierten «Würfelhockers», der eine Hand vor das finstere Gesicht hält. Auch hier also wie in der Musik der Wechsel von ‚Ruhe und Unruhe‘, Vergänglichkeit und Lebensgier.» Während ich dies alles zusammensuche und -schreibe für einen Menschen, dem ich allenfalls zwei- oder dreimal begegnet bin, den ich kaum gekannt habe, wird mir bewusst, wie stümperhaft im Grunde jeglicher Versuch bleibt, einem Menschen in solcherlei «Nachruf» auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Kurt Sandwegs Lebensgefährtin ließ auf seinem Grab seine letzte große Arbeit aufstellen, der er den Namen «Der Bewahrer» gegeben hat. Wer seine künstlerische Hinterlassenschaft bewahren wird, ist eine derzeit noch offene Frage. Vielleicht sollte man ein Bild von ihm zu zeichnen versuchen, ähnlich dem, das sich vor ein paar Jahren ein siebenjähriges Mädchen gemacht hat, das ihn ab und an in seinem Gehäuse besuchen durfte: «Kurt Sandweg ist Bildhauer und Künstler. Er hat zwei Esel und wohnt in einer kleinen Villa. Dort am Rande einer Gärtnerei ist ein Zaun. An diesem Zaun sind tausende Skulpturen zu sehen. Kurt Sandweg ist 78 Jahre alt. Seine Esel heißen Hannibal und Petronius. Hannibal und Petronius sind nicht gleich alt.»

Über Verstorbene redet man nicht – Kurt Sandweg

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